23.07.2012

Thailändische Ministerpräsidentin in Berlin

Yingluck Shinawatra will Wirtschaft voranbringen


Die thailändische Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra im Gespräch mit Andreas Klippe

Berlin 18.07.2012- Die thailändische Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra war zu Besuch in Berlin. Neben Gesprächen mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel war ein vorrangiges Thema der Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Königreich Thailand und der Bundesrepublik Deutschland.

Die erste Reise außerhalb Asiens führte die am 3. Juli 2011 gewählte Ministerpräsidentin zuerst nach Deutschland, und anschließend nach Frankreich. Thailand erhofft sich eine engere Bindung zwischen der Großindustrie zum einen, aber auch zwischen mittelständischen Unternehmen auf beiden Seiten.

Schwerpunktthemen sind Abwasserbehandlung, Erneuerbare Energien, Automobil und Eisenbahn. Aufgrund der verheerenden Überschwemmungen im Jahr 2011 hat Thailand bereits viel für den Hochwasserschutz getan, es fehlt aber die Umsetzung der konsequenten Abwasserreinigung in Industrie und Kommunen. Bei Erneuerbaren Energien verfügt Thailand laut Arak Chonlatanon, Energieminister, jetzt schon darüber, will diese aber mit deutscher Technik ausbauen. Der Anteil an Erneuerbaren soll bis 2020 auf 30 % steigen.

Der Industrieminister Professor M. R. Pongvas Svasti unterstrich in einer Podiumsdiskussion am Nachmittag, dass Thailand im Bereich Automobil sehr gut aufgestellt ist. „Alles was Rang und Namen hat, fertigt in Thailand. Bis 2020 will Thailand daher Deutschland im Export von Automobilgütern ablösen.“ Eine durchaus ernst zu nehmende Äußerung. Es sei daran erinnert, dass China bereits schon heute mehr Werkzeugmaschinen exportiert als Deutschland. Vor kurzem war das schlicht unvorstellbar.

Der Ausbau der Schnellbahnnetze und „normalen“ Eisenbahnnetze (Greater Mekong Subregion Transportation Routes) in der gesamten südost-asiatischen Festlandregion umfasst die Länder Myanmar, China, Vietnam, Laos, Thailand, Kambodscha und Malaysia. Ob deutsche Unternehmen in diesem gigantischen Projekt maßgeblich dabei sein werden?

Allzu häufig verlassen sich Deutsche ausschließlich auf „die Überzeugungskraft ihrer Technologie“ und vernachlässigen die zwischenmenschlichen Kontakte, das Guanxi, wie es in China genannt wird. Ohne persönliche, enge Kontakte, die langwierig und sehr kostenintensiv geknüpft werden, läuft in Thailand kein Geschäft. Dann aber verfügt man über Geschäftskontakte, die belastbar sind. In Thailand wie in ganz Asien zählt in besonderem Maße das „Know-who“ und nicht das „Know-how“.

Beim Empfang der Deutschen Wirtschaft vor Vertretern aus Wirtschaft und Politik warb die Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra für Thailand, bedankte sich für die deutsche Hilfe nach der Tsunamikatastrophe und unterstrich den Willen ihrer Regierung, Thailand wirtschaftlich noch stärker voranzubringen. Ein wesentlicher Antrieb für größere Anstrengungen ist die Freihandelszone innerhalb ASEAN – der Association of South East Asian Nations - und China, die 2015 vollständig in Kraft tritt. Zur Erinnerung: Die Staatengemeinschaft ASEAN umfasst 600 Millionen Einwohner. Thailand gehörte 1967 zu den Gründungsmitgliedern. Zum Vergleich: Die EU hat 500 Millionen Einwohner.

Thailand ist bereits jetzt ein herausragender Industriestandort in Südost-Asien. So ist man die Nr. 1 in der Welt bei der Produktion von natürlichem und synthetischem Kautschuk sowie bei der Herstellung von Hard Discs. Der Industrieminister M.R. Pongvas Svasti warb für die Ansiedlung deutscher Unternehmen, die immer noch viel zu zögerlich seien.

Und in der Tat: Im Export ist Deutschland Champions League, bei Investitionen nur Regionalliga. Thailand bietet eine Steuerbefreiung – je nach Standort von 3 bis 8 Jahren - mit anschließender reduzierter Besteuerung. Die Unternehmenssteuer liegt danach bei 20 %.

Die Weltbank in ihrem „Ease of Doing Business 2010“führt Thailand auf Rang 12. Es ist also verhältnismäßig einfach, in Thailand Geschäfte zu machen. Wenn der deutsche Unternehmer den richtigen Geschäftspartner inmitten der 67 Millionen Thailänder ausgewählt hat.

Und dort liegt sicherlich die größte Hürde, die trotz aller Bemühungen der Regierungsstellen auf beiden Seiten immer noch vernachlässigt wird. Viele Kooperationen stützen sich auf die „Großen“; jene Unternehmen mit scheinbar großen Budgets. Kleine und mittelständische Unternehmen, das Herz der deutschen Wirtschaft, kommen in dieser Betrachtungsweise nicht vor, wenn auch die Äußerungen der Offiziellen anders lauten.

Aber gerade diese KMU (Kleine und mittlere Unternehmen) schaffen Arbeitsplätze und einen erheblichen Mehrwert. Die KMU waren für Deutschland der Motor beim Wirtschaftsaufschwung der 50er Jahre. Daran erinnert die Ministerpräsidentin: „Die KMU können auch der Motor  für die thailändische Wirtschaft sein.“ Die Unterstützung solcher KMU bedarf aber anderer Regeln und Instrumente, als wie sie für Großunternehmen angewendet werden. KMU sind gut beraten, mit im Thailand-Geschäft erfahrenen Vertriebs- und Investitionsspezialisten zusammen zu arbeiten.

Diese Experten sollten in der Lage sein, neben dem Markt in Thailand auch das Unternehmen in Deutschland auf seine „Exportfähigkeit“ zu bewerten. Schon mancher ist gestartet, obwohl er besser daheim geblieben wäre. Rechtzeitige Beratung und ein seriöses Sparring mit der Geschäftsleitung hilft am Ende immer, Kosten zu senken, unnötige Ausgaben zu reduzieren und ganz einfach, den „Stress- und Ärgerfaktor“ niedrig zu halten.

Yingluck Shinawatra forderte abschließend die deutschen Unternehmen auf, Thailand als Ausgangspunkt für weitere Aktivitäten in der Region ASEAN zu wählen, gemäß ihrem Slogan „Think Asia, invest Thailand.“

Andreas Klippe
Zusammenfassung aus den Gesprächen des Autors mit der Ministerpräsidentin, dem Industrieminister und dem Energieminister des Königreichs Thailand am 18.07.2012 in Berlin